Der 13. Demokratie-Tag Rheinland-Pfalz 2018 zum ersten Mal in Ingelheim

Die Stadt Ingelheim hat es mit ihrer großzügigen Unterstützung ermöglicht, dass der Demokratie-Tag zum ersten Mal im neuen Zentrum von Ingelheim stattfinden kann. Mit der neuen Kultur- und Veranstaltungshalle (kING) und dem neuen Weiterbildungszentrum (WBZ) bietet das Mittelzentrum, zugleich Sitz der Kreisverwaltung Mainz-Bingen, besonders attraktive Tagungsmöglichkeiten in der Region und könnte sich vielleicht als Veranstaltungsort des Demokratie-Tags Rheinland-Pfalz etablieren.

Ralf Claus

Ralf Claus

Oberbürgermeister der Stadt Ingelheim

Dr. Florian Pfeil

Dr. Florian Pfeil

Direktor der Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung und des WBZ in Ingelheim

Hans Berkessel

Hans Berkessel

Vorsitzender der DeGeDe-Rheinland-Pfalz für das Veranstalter-Team des Demokratie-Tags Rheinland-Pfalz

Der Ingelheimer Oberbürgermeister Ralf Claus hat diese Idee von Anfang unterstützt und durch sein Engagement einen einstimmigen Beschluss des Stadtrates bewirkt, mit dem die Stadt Ingelheim als erste Kommune in Rheinland-Pfalz Mitglied des Bündnisses „Demokratie gewinnt!“ geworden ist. Er wird in diesem Jahr den Demokratie-Tag mit einem Grußwort als Gastgeber eröffnen.

Mit ihm und Dr. Florian Pfeil, dem Direktor der Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung und des Weiterbildungszentrums, der seit einigen Jahren den Demokratie-Tag unterstützt, führte Hans Berkessel vor Beginn des Demokratie-Tags dieses Gespräch, das wir hier in einer gekürzten Fassung veröffentlichen.

Herr Oberbürgermeister, aus welchen Gründen haben die Stadtverwaltung und Sie persönlich die Durchführung des 13. Demokratie-Tags Rheinland-Pfalz in Ingelheim unterstützt?

Der Demokratietag ist ein tolles Beispiel, wie man Demokratie im Alltag erlebbar machen kann. Projekte dieser Art sind gerade in unserer Zeit, in der oft von der Krise der Demokratie die Rede ist, notwendiger denn je. Insofern war es nur logisch, dass wir diese Veranstaltung nach Ingelheim holen wollten.

Welche eigenen Akzente kann die Stadt Ingelheim als Mitveranstalter bei diesem bundesweit größten Forum der staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure in Sachen Demokratiebildung und –erziehung setzen?

Wir haben in Ingelheim mit unserem Weiterbildungszentrum und hier insbesondere mit der Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung ein Bildungshaus, das sich intensiv um Demokratiebildung bemüht. Daher war es für mich wie für unseren Stadtrat selbstverständlich, als erste Kommune dem Bündnis „Demokratie gewinnt!“, beizutreten.

Unsere Stadtgesellschaft hat eine lange Tradition mit Beteiligungsformen für Bürgerinnen und Bürger, insbesondere auch für junge Menschen. Wir haben unsere Kinder und Jugendlichen über eine flächendeckende Spielleitplanung in die städtebauliche Entwicklung einbezogen. Bürgerinnen und Bürger gestalten ihr direktes Umfeld über Stadtteilkonferenzen mit. Wir haben gute Erfahrungen mit Beteiligungsprojekten unterschiedlicher Art gemacht und würden gerne diese Erfahrungen mit anderen Akteuren teilen.

In den letzten Jahren ist in Ingelheim in einer für ein Mittelzentrum beeindruckenden Dimension – zunächst mit der „Neuen Mitte“ und nun mit dem „Neuen Markt“ – ein neues Kultur-, Veranstaltungs- und Bildungszentrum entstanden, das in die Region ausstrahlt. Der landesweite Ehrenamtstag 2017 hat bereits hier stattgefunden, und im Mai 2019 soll hier der Kultursommer Rheinland-Pfalz eröffnet werden, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Wie beurteilen Sie die Zukunftschancen dieses Zentrums – welche Bedeutung wird Ingelheim nach Ihrer Einschätzung in den kommenden Jahren haben?

Ingelheim hatte bis vor kurzem kein Stadtzentrum. Dies wurde von vielen Menschen in Ingelheim bedauert. Vor vielen Jahren schon begann der Stadtrat, Grundstücke im geografischen Zentrum der Stadt rund um den Bauhof zu erwerben. Dies versetzte uns in die Lage, den Rahmenplan Stadtzentrum zu verabschieden, den wir konsequent abgearbeitet haben. Dabei sollten insbesondere Kultur und Bildung im neuen Stadtzentrum herausgehobene Rollen spielen.

Wir sind davon überzeugt, dass beide Bausteine unser Zentrum beleben, dass Menschen sich hier gerne treffen, aufhalten und die Angebote wahrnehmen. Mit dem neuen Weiterbildungszentrum und der Kultur- und Veranstaltungshalle kING sind wir für die Zukunft gut gerüstet. Ich bin davon überzeugt, dass es uns gelingt, Ingelheim in der Region bekannt zu machen und attraktive Veranstaltungen in die Stadt zu holen.

Die Stadt Ingelheim ist auf Ihre Initiative und durch einstimmigen Beschluss des Stadtrates als erste Kommune in Rheinland-Pfalz dem 2017 unter Schirmherrschaft der Ministerpräsidentin gegründeten Bündnis „Demokratie gewinnt!“ beigetreten. Das Bündnis ist aus einem breiten Netzwerk aus zivilgesellschaftlichen und staatlichen Organisationen hervorgegangen, das u. a. den Demokratie-Tag trägt. Das Bündnis will „junge Menschen frühzeitig an Demokratie, Beteiligung und freiwilliges Engagement heranführen“.
Welche Erwartungen haben Sie für die Ingelheimerinnen und Ingelheimer durch eine Mitarbeit in diesem Bündnis? Gibt es erste konkrete und praktische Beispiele für den Nutzen einer solchen Kooperation im Netzwerk?

Wir sind davon überzeugt, dass Demokratiebildung nottut und wir hier dringend handeln müssen. Demokratie ist nicht selbstverständlich, sie lebt vom Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger. Deshalb freue ich mich, dass unser Stadtrat entschieden hat, dem Bündnis „Demokratie gewinnt“ beizutreten.

In den Kommunen ist Demokratie direkt erlebbar, nur hier können Menschen direkt auf ihre Lebenswelt Einfluss nehmen. Es gilt, sie davon zu überzeugen, dass Engagement sich lohnt. Dafür wollen wir im Bündnis eintreten und uns stark machen.

Herr Dr. Pfeil mit dem neuen, größeren und tagungstechnisch moderneren Weiterbildungszentrum – und in Kombination mit der kING – ergeben sich neue Möglichkeiten der Weiterbildung, insbesondere auch für die politische Bildungsarbeit, wie sie von der Fridtjof-Nansen-Akademie (FNA) seit vielen Jahren erfolgreich betrieben wird. Wie beurteilen Sie die Perspektiven für die nächsten Jahre?

Die Perspektiven sind überaus gut. Das neue Haus mit seinen exakt unseren Bedürfnissen angepassten Räumlichkeiten bietet eine sehr gute Infrastruktur. Entscheidend ist aber noch viel mehr, dass die Nachfrage nach unseren Angeboten in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung ungebrochen ist. Es gibt einen enormen gesamtgesellschaftlichen Bedarf an politischer Bildung, nicht zuletzt infolge des zunehmenden Rechtspopulismus und der Aufweichung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in unserem Land. Dass sich dieser gesellschaftliche Bedarf auch in einer großen Nachfrage nach unseren Angeboten widerspiegelt, bestätigt uns in unserem Ansatz.

Worin bestehen die Schwerpunkte und die neuen Ansätze der politischen Bildungsarbeit der FNA, und welche Zielgruppen werden besonders angesprochen?

Die FNA bietet politische Jugend- und Erwachsenenbildung in ihrer ganzen Breite an. Zentrale thematische Schwerpunkte unserer Arbeit sind jedoch einerseits die globalen und internationalen Themen: Frieden, Entwicklung, Menschenrechte, Globalisierung, andererseits der Themenbereich Demokratie vs. Extremismus. Klassische Zielgruppe in der Jugendbildung sind die Schüler*innen weiterführender Schulen.

In der Erwachsenenbildung sind wir besonders aktiv im Bereich inhaltlicher Lehrerfortbildungen für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer Sozialkunde, Erdkunde und Geschichte.

Aber seit einigen Jahren bemühen wir uns auch sehr intensiv um einen niedrigschwelligeren Zugang zur politischen Bildung, um auch andere Zielgruppen zu erreichen. Beispielsweise läuft gerade ein Modellprojekt des Weiterbildungsministeriums bei uns, mit dem wir politische Bildung für junge Erwachsene mit Lernschwierigkeiten anbieten. Tatsache ist, dass viele Menschen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen vom politischen Prozess in Deutschland de facto ausgeschlossen sind. Politische Bildung für diese Zielgruppe soll auch ein Beitrag zu deren Empowerment sein und sie ermutigen, ihr Recht auf Teilhabe und Mitbestimmung einzufordern und wahrzunehmen.

Das ist ein wichtiges Ziel für uns: Wir wollen uns auf den Weg hin zu einer „inklusiveren“ politischen Bildung machen!

Auch die Fridtjof-Nansen-Akademie ist schon vor einiger Zeit dem Bündnis „Demokratie gewinnt!“ beigetreten. Welchen Stellenwert haben für Sie im Gesamttableau der politischen Bildungsarbeit Ihrer Akademie die Bildung und Erziehung zur Demokratie von jungen Menschen?
Welche Konzepte verfolgen Sie dabei und welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie in Zukunft – auch im Blick auf den Demokratie-Tag und das Bündnis?

Die Förderung von Demokratie – das war schon immer Thema bei uns, und das ist mit Sicherheit eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Für die grundsätzlichen Freunde der Demokratie ist sie so selbstverständlich und zugleich auch so ritualisiert geworden, dass die Begeisterung schwindet, gerade angesichts der gleichzeitig zunehmenden Komplexität politisch-gesellschaftlicher Fragen.

Die Gegner der Demokratie fördern demgegenüber ein gesellschaftliches Klima, das zunehmend auf Angst vor dem Anderen, Fremden beruht und das die Verrohung der Sprache und des Denkens fördert.Hier muss die politische Bildung gegensteuern.

Die politische Bildung ist parteipolitisch neutral, aber sie muss leidenschaftlich für Demokratie, Minderheitenschutz und Menschenrechte streiten!

Dafür haben wir eine Reihe von Formaten im Programm, etwa unseren Studientag gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung, der sich an jugendliche Großgruppen richtet. Aber es gibt viele gute Ansätze für Demokratieförderung in Rheinland-Pfalz.

Der Demokratie-Tag ist jedes Jahr auch so etwas wie eine fröhliche Leistungsschau für Demokratie in Rheinland-Pfalz. Das ist hervorragend!

Im Bündnis muss es aus meiner Sicht jetzt darum gehen, das Vorhandene noch besser zu vernetzen und in gemeinsamer Anstrengung aller Akteurinnen und Akteure weiterzuentwickeln. In der FNA arbeiten wir z. B. gerade gemeinsam mit dem Unternehmen Boehringer Ingelheim, der Stadt Ingelheim und der BBS Ingelheim an einem Projekt zur Demokratieförderung in den Klassen des Berufsvorbereitenden Jahres (BVJ).

Rheinland-Pfalz ist gut in Demokratieförderung – aber wir können noch besser werden, indem wir mehr voneinander lernen und unsere Ressourcen besser gemeinsam nutzen!

Herr Oberbürgermeister Claus, Herr Dr. Pfeil wir danken Ihnen für dieses Gespräch.